Erwachsen werden - aus astrologischer Sicht
(Beitrag im Mai 2007)
Was es genau heißt, erwachsen zu werden, darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Wenn wir unseren achtzehnten Geburtstag feiern, sind die meisten von uns felsenfest überzeugt: Jetzt bin ich erwachsen! Vielen dämmert zwar später, dass sie dabei einem Irrtum aufgesessen sind, aber das macht die Sache nicht klarer. Was meint nun die Astrologie dazu? Gibt sie uns Hinweise, die uns helfen können, das Thema besser zu verstehen? Was macht uns aus der Perspektive des Tierkreises zu einem erwachsenen Menschen?
Das zentrale Thema, das uns die Astrologie anbietet, wenn wir über das Erwachsen werden nachdenken, ist Steinbock/Saturn. Ein erwachsener Mensch ist ein erwachter, bewusster Mensch. Erwacht ist er aus dem Schlaf, den derjenige schläft, der alles so macht wie alle anderen mit der Begründung, dass alle anderen das auch so machen würden. Das Leben dieses Menschen ist nicht seines, sondern das der anderen, von ihm als deren Stellvertreter gelebt. Er kommt darin nicht vor. Er ist im Grunde gar nicht da. Dieser Mensch kann nach außen alle Attribute um sich versammelt haben, die in unserem Kulturkreis mit Erwachsensein verbunden werden: Beruf, Familie, Auto, Haus, etc. Aber es wird der Beruf sein, den andere für ihn ausgesucht haben. Er erzieht seine Kinder, wie Kinder in seiner Sippe schon immer erzogen wurden. Er fährt das Auto und besitzt das Haus, von dem er glaubt, die anderen erwarten das vom ihm.
Wer jetzt glaubt, dieser Mensch wäre die Ausnahme, der irrt. Im Gegenteil, die große Mehrheit der Menschen verbringt ihr Leben auf diese Weise. Das mag in vielen verschiedenen Schattierungen daherkommen, die es nicht leicht machen, das Gemeinsame zu erkennen. Dennoch ist es vorhanden. Es ist die Abwesenheit des eigenen Wesens, die Unterdrückung der eigenen Anlagen - meist ohne es zu merken. Wenn wir ein solches Leben wählen, dann wählen wir vor allem eines: Sicherheit in Form von Normalität.
Wer mir nachfolgen will, der muss Vater und Mutter verlassen. Dieser Satz, den wir im neuen Testament finden, drückt aus, was wir tun müssen, wenn wir unser Potential ausschöpfen wollen, wenn wir unsere eigene Freiheit leben wollen. Wir müssen Vater und Mutter verlassen. Die meisten von uns tun das in ihrem Leben - aber nur auf der physischen Ebene, d.h. sie ziehen zuhause aus und leben woanders. Seelisch bzw. geistig tun sie es aber nicht. Die Eltern stehen dabei für alle, die Regeln aufstellen, d.h. jede Form von äußerer Autorität, alle denkbaren Repräsentanten der Gesellschaft. Der Richter, der Polizist, der Gesetzgeber, der Lehrer, der Vater und viele mehr. Sie alle müssen wir verlassen, wenn wir erwachsen werden wollen, d.h. sie alle müssen wir in Frage stellen und das, was sie behaupten und vertreten.
Erwachsenwerden ist so gesehen ein geistiger Vorgang, ein Bewusstwerdungsprozess. Das, was wir glauben, steuert uns, bestimmt unsere Handlungen, erwirkt das, was in unserem Leben ist. Glaubenssätze sind das Fundament unseres konkreten Seins. Wenn wir also unser Sein selbstbestimmt gestalten wollen, müssen wir erst identifizieren, wo sind die anderen in mir? Dann erst, wenn wir erkannt haben, wo der Vater und die Mutter, der Lehrer und der Pfarrer in einem selbst sind, kann man sie in sich in Frage stellen. Hat man dies getan, hat man sie also erkannt und ausgemacht, kann man die entscheidende Frage stellen: Will ich das so? Ist mir das so gemäß, wie mein Vater das für sich entschieden hat? Wie der Lehrer es mir beigebracht hat? Wie der Pfarrer behauptet, dass es sein muss? Ist es mir dienlich?
Um die letzte Frage zu beantworten, müssen wir uns erst über unser Ziel klar werden. Wo will ich hin? Wer will ich sein? Was ist die höchstmögliche Version meiner selbst, die ich verwirklichen will? Wenn ich ein ehrlicher Mensch sein will, wird mir der von meiner Mutter übernommene Glaubenssatz, dass ehrlich am längsten währt, dienlich sein. Will ich ein Bandit werden, wird er mich tendenziell in meiner Berufsausübung behindern.
Was ist aber in einem solchen Fall zu tun? Wenn ich merke, dass meine verinnerlichte Regeln mich behindern, das zu sein, was ich mich entschlossen habe zu sein? Dann kommt es zu einem Loyalitätskonflikt. Schon der Volksmund weiß, dass man nur einem Herrn dienen kann. Aber welchem? Bleibe ich meinen Eltern treu oder mir selbst? Folge ich dem Lehrer oder meinen eigenen Überzeugungen? Will ich es machen wir der Pfarrer oder wie es mir meine innere Stimme gebietet?
Der Prozess des Erwachsen werdens erfolgt daher in 6 Schritten:
1.) Sich über seine Ziele klar werden. Wo will ich hin? Wer will ich sein? Was ist die höchstmögliche Version meiner selbst, die ich zu verwirklichen mich entscheide?
2.) Die anderen in sich identifizieren. Die Mutter, den Vater, den Lehrer, den Pfarrer, usw. Was glauben die anderen? Was lehren sie? Was davon ist in mir?
3.) Abgleichen: Dienen mir die Glaubenssätze, die in mir sind, beim Erreichen meines Ziels. Werde ich durch das, was ich glaube, zu dem, was ich zu sein mich entschieden habe?
4.) Wenn ja: Prima. Alles kann so bleiben, wie es ist - mit dem Unterschied, dass ich von den Glaubenssätzen der anderen bewusst Besitz ergriffen habe, weil ich jetzt weiß, dass sie mir dienen. Ich befolge die entsprechenden Regeln jetzt nicht mehr, weil sich das so gehört, sondern weil ich das so will im Sinne meines Selbst.
5.) Wenn nein, dann gilt es diese Frage zu beantworten: Wem gilt meine Loyalität? Will ich richtig sein im Sinne der anderen oder in meinem eigenen Sinne? Welchem Weg will ich folgen: meinem oder dem meiner Eltern bzw. der gesellschaftlichen Autoritäten?
6.) Entscheide ich mich für mich, bin ich jetzt gefordert, die alten Überzeugungen in mir zu tilgen und dafür neue einzusetzen. Aber was dient mir? Welcher Glaubenssatz fördert mich?