
"Für die Menschen ohne Schuhe und Schulen"
Die Bedeutung der Mondknotenachse
am Beispiel des chilenischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda
(Beitrag im Februar 2007)
Pablo Neruda ist nicht nur einer der herausragenden Dichter Chiles und Lateinamerikas, sondern auch ein vielseitiger Mann, der in seinem 69jährigem Leben eine Vielzahl von Ländern bereist, viele bemerkenswerte Freundschaften schließt und ein umfangreiches schöpferisches
Lebenswerk hinterlässt. Er ist Poet, Ehemann, Vater, Hausbesitzer, Weltreisender, kommunistischer Senator, Vertriebener und Verfolgter, Frauenliebhaber, politischer Vorkämpfer, Büchersammler, Schneckenkenner, Literatur-Nobelpreisträger, Kriegsteilnehmer – und nicht zuletzt Menschenfreund und Humanist. Sein Leben war sehr reich - zu reich, um es hier mit Anspruch auf Vollständigkeit darstellen oder untersuchen zu wollen. Daher liegt die Kunst – wie so oft in der astrologischen Arbeit – in der Beschränkung auf Wesentliches. Bei Pablo Neruda nun scheint - vor dem Hintergrund seines Lebens und Wirkens - ganz besonders die Mondknotenachse geeignet zu sein, als Ansatzpunkt für den Astrologen dienen zu können, denn in ihr spiegeln sich wichtige Lebenslinien dieses chilenischen Dichters und Politikers.

Geburtshoroskop von Pablo Neruda
Die Schnittpunkte der Ekliptik mit der Mondbahn bilden die Mondknotenachse: Aufsteigender (nördlicher) und absteigender (südlicher) Knoten, auch Drachenkopf und Drachenschwanz genannt. Die grundlegende Symbolik dieser Achse ergibt sich aus der astronomischen Definition: Vereinigung des Männlichen (Sonne) mit dem Weiblichen (Mond) im Menschen. Nach Stellung und Aspektierung zeigt sie daher Themen an, die für die Ganzwerdung eines Menschen von besonderer Bedeutung sind.
Die Erfahrung zeigt, dass wir zu den Themen des Südknotens starken Bezug haben, während die Inhalte des Nordknotens die primäre Lernaufgabe symbolisieren. Nimmt man den Begriff des Karmas hinzu, wie es viele Astrologen tun, ist es naheliegend, den absteigenden Knoten mit Fähigkeiten, die in früheren Inkarnationen erworben wurden, zu verbinden. Da er sich hier also auskennt, lebt der Mensch diese Anlage besonders aus, meist übertrieben. Hier fühlt er sich instinktiv sicher, denn der inhaltlichen Vertrautheit folgt die emotionale Sicherheit. Jedoch neigen wir dazu, den Südknoten übertrieben zu favorisieren. Die Integration des Nordknotens bedeutet deshalb, neue, ja entgegengesetzte Erfahrungen zu machen und so die einseitig belastete Achse wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Es ist aber nicht notwendig, auf die Lehre des Karmas oder die Reinkarnationstheorie zurückzugreifen. Die astrologische Erfahrung zeigt schlicht, dass das durch den Nordknoten angezeigte Lebensthema erst mal weitgehend unentdecktes Terrain ist. Ihm sollten wir unsere Aufmerksamkeit schenken, was wir jedoch meist erst in der zweiten Lebenshälfte tun. Das Ziel ist dabei nicht, die Inhalte des Südknotens vollständig über Bord zu werfen, sondern durch neue Erfahrungen zu bereichern, zu entlasten und so letztlich zu helfen, ihn erlöster, erwachsener leben zu können.
Es bietet sich das Bild einer Kinderwippe an: Am einen Ende sitzt ein dickes Kind (Südknoten) und sein schmächtiger Spielgefährte (Nordknoten) am anderen. Durch die Ungleichgewichtigkeit können die beiden nicht ins gemeinsame Spiel finden – die Lebendigkeit fehlt. Ziel ist es jetzt aber nicht, das kräftige Kind von der Wippe zu stoßen, d.h. die Erfahrungen und Bedürfnisse des Südmondknotens zu ignorieren oder abzuwerten. Vielmehr soll sein schlecht genährter Spielkamerad mit vielen guten und nahrhaften Nordknotenerfahrungen gefüttert werden, damit er an Gewicht zulegt und die Wippe in Bewegung kommen kann. Durch die zunehmende Dynamik finden die Kinder mehr und mehr zum Spiel, die Wippe kommt ins Gleichgewicht. Das bedeutet, die angesprochene Themenachse steht dem Menschen am Ende dieses (gelungenen) Entwicklungsprozesses wieder als Ganzes zur Verfügung.
Die Mondknotenachse im Horoskop von Pablo Neruda bewegt sich aus dem fünften Haus in den Fischen (Südknoten) in das elfte Haus in Jungfrau (Nordknoten). Menschen mit der Achse 5 nach 11 neigen dazu, sich selbstbezogen zu verhalten (Sonnethema unerlöst). In Gruppen treten sie hervor, spielen die Rolle des Primus-inter-pares (Sonne-Uranus). Die Aufgabe besteht hier nun einerseits darin, aus dem emotionalen Selbstbezug in die gemeintschaftliche Einbindung zu finden. Darüber hinaus sollen sie lernen, „zu gehen ohne Spuren zu hinterlassen“. Das heißt, nicht aus narzisstischen Motiven etwas hervorbringen zu wollen, sondern die Freiheit des Menschen (Uranus) dadurch zu verwirklichen, dass man die Idee lebt um der Idee willen und nicht des persönlichen Glanzes wegen.
Die Achse Fische - Jungfrau kennzeichnet meist einen Menschen, der mit der kosmischen Ganzheit in Verbindung steht, der erfüllt wird von einem reichen, unerschöpflichen Strom an Bildern, dem allerdings die Auswahl schwer fällt, die Nutzbarmachung dessen, was überreichlich vorhanden ist. Aus dem Chaos in die Ordnung, aus dem emotionalen Zerfließen in die irdische Realität ist das Ziel.
Zusammengenommen heißt das für den Menschen Pablo Neruda, dass eine seiner wesentlichen Lernaufgaben darin besteht, aus der selbstbezogenen und schöpferischen (Überbetonung Haus 5) emotionalen Allverbundenheit (Fische) in die gesellschaftlich-kollektive (4. Quadrant) Vernunft (Jungfrau) zu gehen. Nicht (nur) der einsame Dichter im Elfenbeinturm (Fische Haus 5) zu sein, sondern der politisch-denkende Analytiker, der seine Wahrnehmungs- und Diagnosefähigkeit (Jungfrau) zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung (Wassermann) einsetzt. Nicht selbstverliebter (Haus5+) Allesschauer (Fische) zu bleiben, sondern ein Diener (Jungfrau) menschlicher Freiheit (Wassermann) zu werden.
Betrachtet man seine Mondknotenachse hinsichtlich der Aspektierung, fallen zwei Konstellationen ins Auge, einmal wegen der Bedeutung der beteiligten Energien und zum anderen wegen der engen Orben: Das gradgenaue Quadrat zum Pluto in Zwillinge, und das Trigon (Südknoten) bzw. Sextil (Nordknoten) zum Stellium aus Sonne, Merkur und Venus. Diese Aspekte sind für die persönliche Entwicklung des Dichters von großer Bedeutung.
Die Kindheit und frühe Jugend Nerudas ist deutlich von der Thematik des Südknotens bestimmt: Einsame Erkundungen in der Natur, das Gefühl des Alleinseins (Neptun Herrscher in Haus 5) eines Kindes, das spürt, das es mit seiner lyrisch-literarischen Veranlagung anders ist als seine raue Umgebung. Es zieht sich in seine Bücher und den südchilenischen Wald zurück, um Trost und Geborgenheit zu finden. Betrachtet man den Südknoten, ist er in die leicht fließende Energie des Trigons zu Sonne/Merkur/Venus in Krebs und in das herausfordernde Pluto-Quadrat eingebunden. Die dichterische Inspiration kommt früh zum noch kindlichen Dichter (Sonne/Merkur/Venus Trigon Südknoten)), stößt aber auf den Widerstand der Sippe (Quadrat Pluto), insbesondere des Vaters (Saturn Quinkunx Sonne, Saturn Trigon Pluto), der als körperlich hart arbeitender Eisenbahner keinen Bezug zu den künstlerisch-literarischen Neigungen seines Sohnes hat. Gegen diesen Widerstand entwickelt er seine Talente in aller Stille und Zurückgezogenheit (Südknoten in 5 in Fische), er muss seine eigene Freiheit in der Welt finden (Uranus Opposition Pluto Quadrat Südknoten).
Mit 19 Jahren macht der Dichter eine wichtige Erfahrung, die seinen weiteren künstlerischen und auch menschlichen Entwicklungsweg andeutet. Er erzählt davon in seinen Lebenserinnerungen:
„Ich war in mein Vaterhaus in Temuco zurückgekehrt. Es war nach Mitternacht. Bevor ich mich zu Bett legte, öffnete ich die Fenster meines Zimmers. Der Himmel betörte mich. Er war bevölkert von einer keimenden Fülle von Sternen. Die Nacht war frisch, und die antarktischen Sterne blühten über mir. Sternenrausch ergriff mich, himmlischer, kosmischer. Ich lief zum Tisch und schrieb hingerissen, als empfinge ich ein Diktat ... Ich bewegte mich in Rhythmen, als schwämme ich in meinen wahren Gewässern.“ (1)
Das ist eine genaue Schilderung der Südknotenthematik: Mit sich allein (Löwe H5), mit dem Kosmos verbunden (Fische), empfängt der junge Dichter rauschhaft, als ob die Götter der Poesie selbst ihm diktieren würden (Fische), den schöpferisch-lyrischen (Löwe) Bilderfluss (Fische). Die Ernüchterung allerdings folgt unmittelbar: Über einen Briefwechsel mit dem uruguayanischen Dichter Sabat Ercasty findet er, dass das Gedicht auch von jenem hätte sein können. Enttäuscht von der mangelnden Einzigartigkeit seines Werkes reift in ihm eine Erkenntnis:
„Vieles stand auf dem Spiel. Vor allem war ich besessen von dem unfruchtbaren Wahn jener Nacht. Umsonst war ich in Sternen versunken, umsonst hatten meine Sinne jenen Australsturm empfangen. Ich hatte mich getäuscht. Ich musste der Inspiration misstrauen. Die Vernunft musste mich Schritt für Schritt auf schmalen Pfaden leiten. Ich musste lernen, bescheiden zu sein.“ (2)
Hier klingt die Symbolik des Tierkreiszeichens Jungfrau an: Vernunft und Bescheidenheit als Mittel gegen selbstverliebte Schöpfungen, geboren aus nebelhafter Inspiration. Schmale Pfade statt breiter, kosmischer Flüsse. Er hat erfahren, dass ihm der neptunische Kanal der Musen zur Verfügung steht, aber das Ergebnis hält genauerer Prüfung nicht stand. Er spürt, dass es Zeit ist, neue Fähigkeiten zu erwerben, um die Poesie hervorzubringen, die irgendwo in ihm ist. Er entschließt sich, den Göttern zu misstrauen und dem Irdischen mehr Aufmerksamkeit zu schenken:
„Mit einem Gutteil meines Werkes habe ich beweisen wollen, dass der Dichter über das schreiben kann, was sich ihm anbietet, über das, was einer menschlichen Gemeinschaft nottut. ... Die magische Inspiration und die Verbindung des Dichters mit Gott sind eigennützige Erfindungen.“ (3)
Trotz guter Vorsätze bleibt die Energie des südlichen Mondknotens aber erst einmal weiter prägnant. Seine Sehnsucht nach einem Leben voller Müßiggang erzählt davon, oder diese schwärmerischen Worte: „Wollten die Dichter ehrlich auf Rundfragen antworten, sie würden das Geheimnis preisgeben: Es gibt nichts schöneres, als seine Zeit zu verlieren.“ (4) Auch sein pantheistisches Verhältnis zur Natur gehört hierher: es wird über das Trigon zur Sonne im neunten Haus in Krebs vom Südknoten gespiegelt.
Von 1927 an verbringt Pablo Neruda fünf Jahre als chilenischer Honorarkonsul im fernen Osten. Es ist eine Phase seines Lebens, in der er hat, was sich viele Künstler wünschen: Neue, frische Impulse durch eine fremde, faszinierende Kultur. Viel freie Zeit und die Ruhe und Zurückgezogenheit, um aus sich selbst heraus schöpferisch tätig sein zu können. Der junge Poet aber weiß diese Geschenke nicht zu schätzen, im Gegenteil leidet er unter der Einsamkeit und Isolation. Seine dichterische Arbeit ist ihm allenfalls Ablenkung und Trost, nicht aber Erfüllung. Dies ist nicht sein Weg, das spürt er deutlich. Er muss unter Menschen (starke Betonung des 3. Quadranten), er sucht die gesellschaftliche Eingebundenheit. Das Existentielle dieses Bedürfnisses zeigen diese Worte seines langjährigen Weggefährten Jorge Edwards:
„Nun hatte er erklärt, dass Aufenthalt auf Erden, das Buch, das meine Generation so begeisterte, einer allzu bitteren, finsteren, angstvollen Phase seiner Jugend entsprach, die ihm am Ende nur zwei Alternativen gelassen hatte: die Selbstzerstörung, den Selbstmord, oder die seelische Gesundung, die nur der Weg von der Einsamkeit zur Gemeinschaft bringen konnte.“ (5)
1933 führt ihn sein beruflicher Werdegang über einen kurzen Zwischenaufenthalt in Argentinien als Konsul nach Spanien. Erst einmal aus der „fernöstlichen Einzelhaft“ entlassen, blüht er auf. Er findet schnell Anschluss an die bedeutende spanische Literatengeneration jener Jahre („Generation von 1927“) - v.a. mit Garcia Lorca verbindet ihn eine tiefe Freundschaft bis zu dessen Tod 1936. Fortan engagiert er sich nicht nur künstlerisch, sondern in steigendem Maße auch politisch-gesellschaftlich. Voraussetzung ist, dass er sein eigenes literarisches Konzept (Mondknotenachse im Quadrat zu Pluto in Zwillinge) findet, wie es ihm mit seinem Manifest von einer „unreinen Poesie“ (Sobre una poesía sin pureza, 1935) zum ersten Mal gelingt. Das ist wesentlich dafür, den Spagat zwischen Rationalität (Jungfrau) und Irrationalität (Fische) zu schaffen, der für ihn, durch das enge Quadrat Plutos auf die Mondknotenachse angezeigt, lebenslang Herausforderung bleibt:
„Der Dichter, der nicht realistisch ist, stirbt. Aber der Dichter, der nur realistisch ist, stirbt auch. Der Dichter, der nur irrational ist, wird nur von seinem eigenen Ich und seiner Geliebten verstanden, und das ist ziemlich trostlos. Der Dichter, der nur Rationalist ist, wird sogar von den Eseln verstanden, und auch das ist reichlich trostlos.“ (6)
Dieses Kunststück, also die Balance zwischen den Polen zu halten, gelingt ihm durchaus. So kann er an einen Freund schreiben: „Sie werden sehen, wie sehr ich mich in gleicher Entfernung (MK-Achse Quadrat Pluto) vom Abstrakten (Haus11-Jungfrau) und vom Lebendigen (Haus5) halten kann und welche genau treffende Sprache (Pluto in Zwillinge) ich benutze.“ (7) Interessant ist auch, dass seine Forderung nach einer Poesie, die nicht narzisstisch um sich selbst kreist, sondern durch unmittelbare Begegnung mit dem Leben und den gesellschaftlichen Realitäten gefunden wird („Unreine Poesie“), sein eigenes persönliches Lernprogramm formuliert. Astrologisch ist das Sextil zwischen Sonne-Merkur-Venus in Haus 8/9 in Krebs mit dem nördlichen Mondknoten in Haus 11 in Jungfrau angespochen: Die Chance (Sextil), durch lebensnahe Dichtung (Krebs-Haus8/9) einen politisch-gesellschaftlichen (Haus11) Dienst zu leisten (Jungfrau). Seine literarische Arbeit ist für Neruda das Mittel, um sich persönlich zu entwickeln. Astrologisch wird das verdeutlicht, indem die Dichtung (Sonne-Merkur-Venus in Haus 8/9 in Krebs) der lösende Faktor für die Mondknotenachse ist („Entspannte Opposition“).
Die Entwicklung der Mondknotenachse im Spiegel seines Werkes lässt sich exemplarisch an den folgenden drei Arbeiten zeigen: Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung (1932), Der große Gesang (1950) und Memorial de Isla Negra (1964). Ersteres, als Repräsentant der frühen Phase, noch deutlich vom Übergewicht des Südknotens beeinflusst, ist eine Sammlung von Liebesgedichten, die überwiegend von der unglücklich endenden Beziehung zu seiner Jugendliebe Albertina Rosa inspiriert ist. Hier geht es nur um den Dichter und sein Liebes(un)glück, um die Angebetete und ihre Gefühle.
Etwas grundlegend anderes stellt der in seinem Umfang monumental wirkende Große Gesang vor, der vielen als sein Hauptwerk gilt. Diese epische Gedichtsammlung kann Neruda erst verfassen, nachdem er sich politisch-gesellschaftlich gefunden und seine lateinamerikanischen Wurzeln, sein kulturelles Erbe erforscht hat. Das Anliegen dieses Werkes ist, zum ersten Mal die Vielfalt seines Heimatkontinents in einem einzigen Gedichtzyklus zu erfassen.(8) Hier hat seine Arbeit einen deutlich gesellschaftlich-politischen Impetus. Sie will den Menschen seiner Heimat ihre kontinentale Identität und Würde zurückgeben, die ihnen durch die Vergewaltigung der Conquista (9) und des europäischen Kolonialismus genommen wurden. Der Wechsel vom einsamen zum gesellschaftlich engagierten Dichter wird vollzogen:
„Der junge Schriftsteller kann nicht ohne dieses Zittern der Einsamkeit schreiben, selbst wenn es fiktiv ist, so wie der reife Schriftsteller nichts zustande bringen wird ohne den Geschmack von menschlicher Gesellschaft, Gemeinschaft.“ (10)
Im Großen Gesang ist wenig vom frühen Neruda enthalten, vom sich selbst bespiegelnden Dichter, der nur aus dem persönlichen Gefühl schöpft. Im Gegenteil vertritt er die Konzeption des „unsichtbaren Dichters“, der in seinem Werk nicht erkennbar sein soll:
„Das dichterische Subjekt Neruda verschwindet zunehmend als Thema seiner eigenen Dichtung und verwandelt sich in das Vehikel und den transparenten Ausdruck der anderen und seiner selbst als gesellschaftliches Wesen. Allerdings hat R. Pring Mill darauf hingewiesen, ... dass der Dichter diesen Teil seines Programms nicht ganz ernst nimmt. Obwohl er es nicht ausdrücklich sagt ..., weiß der Dichter, dass er sich selbst nicht ganz als Individuum verleugnen kann.“ (11)
Diese Worte illustrieren einerseits, wie sehr der Dichter zu verwirklichen sucht, was durch die Stellung des aufsteigenden Mondknotens in seinem Horoskop angedeutet wird. Sie zeigen andererseits aber auch, dass jemand, selbst wenn er im Überschwang der Begeisterung für das Neue (Nordknoten) Gefahr läuft, das Kind mit dem Bade (Südknoten) auszuschütten, dies doch nicht kann. Die Lernaufgabe der Mondknotenachse ist eben nicht, das Gewohnte auszumerzen, sondern durch das Erfahren seines ergänzenden Gegenpols neu zu definieren, zu bereichern.
Schließlich Memorial de Isla Negra. Eine Gedichtsammlung seines Spätwerkes, einer Phase, in der sich die Mondknotenachse, zwischenzeitlich eher nordlastig, dem Gleichgewicht nähert. Einerseits stark autobiografisch beeinflusst, wendet sich diese Arbeit auch allgemeinen Themen zu. Im Ton nicht mehr politisch-militant, aber auch nicht subjektiv-brütend. Dieses Buch ist Folge der persönlich-politischen Krise nach Aufdeckung der stalinistischen Verbrechen durch Chruschtschow und der damit verbundenen Erschütterung des internationalen Kommunismus. Nerudas Begeisterung für die marxistisch-leninistische Gesellschaftsperspektive, sein leidenschaftliches Engagement für den Anti-Faschismus, kurz seine politische Positionierung, relativieren sich. Weder resigniert er, noch zieht er sich aus der Politik zurück. Aber fortan mischen sich subjektives, inneres Erleben und äußeres, politisches Wirken stärker miteinander, gehen in seiner künstlerischen Arbeit eine Verbindung ein. Die Synthese wird erreicht.
Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass sich ein Großteil des Lebens von Pablo Neruda im Spannungsfeld seiner Mondknotenthematik abspielt. Einerseits zurückgezogenes künstlerisches Schaffen, auf der anderen Seite geselliges, politisch-gesellschaftliches Wirken in der Öffentlichkeit. „Einsamkeit wie Menschenmenge“ gelten ihm schließlich als die elementaren Pflichten eines Dichters seiner Zeit. (12) Ihm gelingt das Kunststück, beides miteinander zu verbinden, wie diese Worte seines Freundes Edwards zeigen:
„...aber er war überhaupt ein Mensch, der gern Leute zusammenbrachte, Gruppen schuf und intensiv mit ihnen zusammenlebte. Plötzlich zog er sich zurück, begab sich in die Isolation, und dann hatte er seine besten Gedanken, schuf seine besten Texte, aber wenn er aus seiner schöpferischen Klausur wieder herauskam, die für andere immer geheimnisvoll blieb, dann verwandelte er sich in den geselligsten Menschen, den ich je kennen gelernt habe.“ (13)
Da er den Mut findet, sich aus seiner selbstbezogenen Verliebtheit (Neptun Herrscher über Haus 5) zu lösen und sich der menschlichen Gesellschaft zuzuwenden, wird er dank seines humanistischen, persönlichen Engagements (Schütze AC) für die „Menschen ohne Schuhe und Schulen“ und seiner dichterischen Arbeit zu einer herausragenden öffentlichen Figur (Wassermann-Haus11), die als „Dichter seines Volkes“ wahrgenommen wird (Jungfrau-Merkur Herrscher über Haus 11 in Krebs):
„Als aktiver Dichter bekämpfe ich meine eigene Selbstversenkung. Daher entschied sich der Kampf zwischen der Wirklichkeit und meiner Subjektivität in meinem eigenen Sein.“ (14)
Er findet auf seinem Weg in die Gemeinschaft zu sich selbst.
© ToPAS München 2007
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Anmerkungen:
(1) Neruda, Pablo: Ich bekenne, ich habe gelebt. Memoiren, Frankfurt/M. 1989, Seite 66
(2) Neruda, Memoiren, Seite 67
(3) Neruda, Memoiren, Seite 360
(4) Neruda, Memoiren, Seite 167
(5) Edwards, Jorge: Adiós, Poeta... Erinnerungen an Pablo Neruda, Hamburg 1992, Seite 26
(6) Neruda, Memoiren, Seite 358
(7) Schopf, Federico: Pablo Nerudas Werk im Kontext der chilenischen Dichtung; in: Garscha, K. (Hrsg.): Der Dichter ist kein verlorener Stein. Über Pablo Neruda, Darmstadt/Neuwied 1981, Seite 92
(8) „Loyola, Hernán: Neruda und Lateinamerika. Zur Entstehungen des ´Großen Gesangs´. in: Garscha, K. (Hrsg.): Der Dichter ist kein verlorener Stein. Über Pablo Neruda, Darmstadt/Neuwied 1981, Seite 161
(9) Dieser Begriff bedeutet „Eroberung“ und wird für den europäischen Imperialismus, v.a. durch die Spanier und Portugiesen, in Latein- und Mittelamerika im 16. und 17. Jahrhundert verwendet.
(10) Neruda, Memoiren, Seite 123
(11) Schopf, Nerudas Werk im Kontext, Seite 111
(12) Neruda, Memoiren, Seite 447 f.
(13) Edwards, Erinnerungen, Seite 112 f.
(14) Neruda, Memoiren, Seite 357