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Gibt es Sternzeichen in der Astrologie?

(Beitrag im März 2007)

Jeder kennt die Partyfrage: Was ist denn dein Sternzeichen? Je nach Lust und persönlicher Haltung antworten wir hocherfreut "Ich bin Widder - und du?" oder grummeln "So´n Scheiß interessiert mich nich". Unabhängig von den möglichen Antworten - stimmt die Frage überhaupt? Gibt es Sternzeichen in der Astrologie?

Haarspalterei oder nicht?

Diese Frage wird manchen verwundern, denn sind Sternzeichen nicht DER Dreh- und Angelpunkt für den Astrologen? Wenn wir es genau nehmen - und das wollen wir an dieser Stelle tun: Nein. Denn die Bezeichnung Sternzeichen ist falsch. Richtig ist: Tierkreiszeichen. Ist das jetzt Wortklauberei oder steckt mehr dahinter? Der Begriff Sternzeichen ist weit verbreitet und wird verstanden. Überall, wo es um Horoskope und Astrologie geht, ist die Rede davon. Selbst renommierte Autoren verwenden ihn, obwohl er fachlich falsch ist. Meist wird wahrscheinlich gar nicht darüber nachgedacht, das Hintergrundwissen fehlt oder die populäre Ansprache an die Leserschaft steht im Vordergrund, die eben ihr Sternzeichen kennt, mit Tierkreiszeichen aber nichts anfangen kann. Wenn es also alle verwenden, warum ist das dann ein Thema?

Ganz einfach: Weil die Bezeichnung uns auf den Holzweg führt. Gehen wir in der Zeit etwas zurück, ein paar Jahre, sagen wir 2500. Wo sich im heutigen Irak gerade alle an die Gurgel gehen, waren damals die Babylonier am Drücker. Sie entwickelten eine prächtige Hochkultur und verstanden viel von den Himmelsläufen. Astronomisch und mathematisch auf der Höhe, studierten sie das, was sich am nächtlichen Himmelszelt beobachten ließ, um Einblick in menschliches bzw. staatliches Schicksal zu bekommen. Mit der Zeit entwickelten sie ein ausgeklügeltes System, diese Himmelsschau für den menschlichen Geist fassbar zu machen. Dabei entstand auch das, was wir Tierkreis nennen. Es ist eine idealisierte Darstellung der Ekliptik, d.h. der scheinbaren Sonnenbahn um die Erde. Von unserem Planeten aus beobachtet, berührt die Sonne auf ihrem Jahresgang durch den Fixsternhimmel verschiedene Sternengruppen. Man teilte den Kreis der Ekliptik in 12 gleichgroße Abschnitte und benannte sie nach den Sternbilder, die überwiegend im einzelnen Abschnitt lagen. So wurden die Sternbilder namensgebend für die Tierkreiszeichen und damals dachte man auch, das die Sternbilder für die beobachteten, astrologischen Auswirkungen verantwortlich wären.

Tropischer und siderischer Tierkreis

Viele denken das heute noch, aber zu Unrecht. Ein beliebtes Argument von psysikalisch gebildeten Astrologiegegnern ist, dass die Einzelsterne der Sternbilder erstens viel zu weit weg seien, um irgendeine Art von konkretem, d.h. physikalisch messbaren Einfluss nehmen zu können; und zweitens auch miteinander nichts zu tun hätten, weil sie zu unterschiedlichen Sonnensystemen gehören, die oft viele Millionen Lichtjahre voneinander entfernt sind. Nach dem, was wir heute wissen, sind die Einwände so sachlich richtig wie überflüssig. Die Tierkreiszeichen haben nämlich nichts mit den Sternbildern zu tun, weshalb die entsprechenden Fixsterne keine Rolle spielen. Das wissen Astrologen schon ungefähr 2000 Jahre, denn der Tierkreis, den wir in der westlichen Astrologie verwenden, verschiebt sich gegenüber dem Fixsternhintergrund jedes Jahr ein bisschen, so dass sich der Abschnitt auf der Ekliptik, die wir z.B. "Widder" nennen, mittlerweile weit weg ist vom namensgleichen Sternbild. Als die Babylonier allerdings den Tierkreis erfanden, war noch alles deckungsgleich.

Woran liegt das? Der Anfangspunkt des tropischen Tierkreises, mit dem wir arbeiten, ist astronomisch genau definiert: Er ist identisch mit dem Frühlingspunkt, dem Punkt exakter Tag- und Nachtgleiche im aufstrebenden Zyklus der Sonne. Sein Pendant ist der Herbstpunkt, aber da werden die Tage kürzer, die Sonne steht immer tiefer. Astronomisch ist der Frühlingspunkt definiert als Schnittpunkt der Ekliptik mit dem Erdäquator - deshalb heißt der so bestimmte Tierkreis auch tropisch. Es gibt noch einen anderen, den wir siderischen Tierkreis nennen. Wie der Name schon sagt, orientiert er sich an den Fixsternen. Im indischen Kulturraum findet er in der vedischen Astrologie bis auf den heutigen Tag Anwendung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Taumelnd ins Wassermannzeitalter

Besagter Frühlingspunkt, der dem Anfang und damit 0 Grad Widder des tropischen Tierkreises entspricht, bewegt sich aber relativ zu den Fixsternen rückwärts durch den Tierkreis. Das ist deshalb so, weil die Längstachse unseres Planeten aufgrund von verschiedenen Gravitationseinflüssen ein langsame Taumelbewegung um sich selbst ausführt. In ca. 26.000 Jahren hat sie eine komplette Umdrehung vollbracht. Diese Zeitmenge wird auch als Kosmisches oder Platonisches Jahr bezeichnet. Ein Zwölftel davon, also gut 2000 Jahre, wird konsequenterweise Kosmischer Monat genannt. Diese Zeitabschnitte, so fanden die Theosophen des 19. Jahrhunderts, findet man auch als Kulturperioden der Menschheit wieder, weshalb sie die Theorie von den Zeitaltern formulierten. In der Periode zum Beispiel, in der das Christentum dominiert, befindet sich der Frühlingspunkt im Abschnitt des Sternbildes Fische, dessen Themen astrologisch sehr gut zum Christentum passt. Das Symbol der Urchristen war ein Fisch, entsprechend des im Original rückwärts gelesenen Namens ihres Religionsstifters. Der Frühlingspunkt ist mittlerweile in die Nähe des Sternbildes Wassermann vorgerückt, weshalb viele das Zeitalter des Wassermanns für eingeläutet halten - Stichwort New Age. Über den genauen Beginn streiten sich allerdings die Geister und Gelehrten, ebenso wie über die Inhalte, die am kulturellen Horizont dräuen. Das Schöne und Dumme an unseren astrologischen Symbolen ist nämlich, dass sie einerseits wesenhaft eindeutig sind, aber in ihren möglichen Ausdrucksformen sehr vielgestaltig. So freut sich der eine im Wassermannzeitalter schon auf das spirituelle Erwachsenwerden der Menschheit, während die anderen sich vor der zumehnenden Gefühlskälte, Isolierung und Technisierung fürchten.

Aufruf zum Boykott

Wenn heute jemand von seinem Sternzeichen spricht, dann meint er das Tierkreiszeichen, in dem seine Geburtssonne steht. Es ist ein Faktor in seinem astrologischen Geburtsbild, der meist zwar deutlicher wahrnehmbar ist als andere, trotzdem aber nur ein Element unter vielen anderen bleibt. Wenn wir vom Sternzeichen sprechen, dann liegt die Gefahr sehr nahe, dass wir an die Fixsterne und Sternbilder denken, was eben aus den dargelegten Gründen nicht sinnvoll ist. Die Bezeichnung ist damit eher irreführend als hilfreich und sollte deshalb aus unserem Sprachgebrauch verbannt werden. Allerdings gibt sich der Autor dieser Zeilen keinen großen Illusionen hin: Es wird wahrscheinlich nicht so kommen und die Partyfrage nach dem Sternzeichen wird ungerührt von fachlichen Skrupeln weiter erfolgreich ihre Kreise ziehen.

© ToPAS München 2007

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