
Umgang mit Ängsten - Alleinsein
(Beitrag im April 2007)
Die Angst vor dem Alleinsein prägt heutzutage in unserer Gesellschaft das Leben vieler Menschen. Sie ist tatsächlich auch eine der schwierigsten Ängste, die es gibt, weil unsere Seele sich immer nach der Erfahrung der Allverbundenheit sehnt, aus der sie kommt. Wirklich mit sich alleinzusein bietet uns jedoch viele wunderbare Möglichkeiten, uns zu erfahren. Diese Chancen nicht zu nutzen, weil wir in der Angst davor stecken bleiben, ist sehr schade - und unnötig, denn es ist uns möglich, jede Angst, die wir kennen, hinter uns zu lassen. Wenn wir es nur wirklich wollen.
Wir Menschen kommen, wenn wir in dieses Leben treten, aus der Erfahrung der Alleinigkeit. Die Verschmelzung mit allem, was ist, ist unsere wahre Grunderfahrung und spiegelt das, was wir wirklich sind. Damit wir jedoch die Seeligkeit dieser Erfahrung erleben und schätzen können, ist es nötig, die Erfahrung des Getrenntseins zu kennen. Das ist einer der Gründe, warum wir hier sind.
Unsere westliche Gesellschaft heute ist sehr auf den einzelnen Menschen ausgerichtet und fördert damit die Erfahrung der Getrenntheit. Es ist der Politik und Wirtschaft auch nicht unrecht, denn Menschen, die auf sich gestellt sind, lassen sich leichter leiten - um es vorsichtig auszudrücken. Auch wenn wir davon ausgehen können, dass wir uns alle für die Erfahrungen auf der seelischen Ebene entschieden haben, die wir machen, ist gerade das Alleinsein doch eine der schwierigsten überhaupt. Wir sind hin- und hergerissen dabei: Einerseits wollen wir diese Erfahrung durchleben, andererseits haben wir große Angst davor. Wieder mal zwischen Baum und Borke.
Diese Ambivalenz zeigt sich auch auf gesellschaftlicher Ebene. Da wird einerseits die Fahne der Familie und der Gemeinschaft hochgehalten, gleichzeitig aber auch das Loblieb auf das Individuum gesungen. Diesen Zickzackkurs finden wir dann folgerichtig auch auf der persönlichen Ebene: Haben wir eine Beziehung, suchen wir oft bei der ersten Gelegenheit das Weite oder sind in ihr unglücklich und fühlen uns einsam zu zweit.
Paradoxerweise ist es in unserer Gesellschaft jedoch recht schwierig, tatsächlich allein zu sein. Wir sind in unserer extrem arbeitsteiligen Welt unablässig auf andere Menschen angewiesen und müssen auch mit ihnen in Kontakt bleiben. Da ist der Postbote, der uns ein Einschreiben bringt; die Kassiererin im Supermarkt oder der Mann von der Tankstelle - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Echtes Alleinsein, d.h. mit uns-selbst-sein kennen wir oft gar nicht. Wenn wir es dann tatsächlich sind, wirft es uns auf uns selbst zurück. Meist erleben wir es dann als Hochgefühl oder als Kummer - zwei Gefühle, die wir verstandesorientierten Menschen, die wir hierzulande fast alle sind, wieder nur schwer annehmen können. Den Zustand des Alleinseins als etwas Schönes, Bereicherndes zu erfahren, fällt uns schwer.
Uns Menschen verbindet mit unseren Ängsten eine Art Hassliebe. Das ist ähnlich wie mit unseren Krankheiten. Bewusst wird kaum einer sagen, er hänge an seinen gesundheitlichen Problemen. Tatsächlich aber bringen uns Krankheiten einige Vorteile: Andere Menschen sorgen sich um uns und bringen ihre Anteilnahme zum Ausdruck, wodurch sie uns mit Energie versorgen. Krankheiten geben uns ein Thema, über das wir mit anderen ins Gespräch kommen können. Sie bieten uns eine perfekte, weil allgemein anerkannte Entschuldigung, bestimmte Dinge nicht tun zu müssen - usw. Wenn wir sagen, wir wollen diese oder jene gesundheitliche Einschränkung nicht mehr, ist das oft nur die halbe Wahrheit - wenn überhaupt. Tatsächlich sind wir meist unbewusst nicht bereit, den Krankheitsgewinn einfach so in den Wind zu schießen. Dann schon lieber ein bisschen weiterleiden...
Unsere Ängste erfüllen uns, oft definieren wir uns auch über sie. Wir kokettieren mit ihnen und tragen sie wie auf einem Schild vor uns her. Wir spüren uns stark durch sie und sie geben uns einen Inhalt. Außerdem geben sie - wie unsere Krankheiten - eine prima Erklärung dafür ab, warum wir gewisse Dinge nicht angehen. Wer wird uns dafür schon verurteilen? Es ist auch in Ordnung so, warum auch nicht? Gut wäre es jedoch - im Sinne der bewussten Weiterentwicklung - wenn wir dies klar für uns entscheiden und dann im Licht unseres Bewusstseins leben.
Kommen wir jedoch irgendwann an den Punkt, an dem wir uns wirklich von einer Angst trennen wollen, reicht im Grunde schon diese Entscheidung selbst. Kriegt man es dennoch nicht hin, ist es dienlich, in die Angst hineinzutreten und sie zu durchschreiten. Oft wird das allerdings fremde Hilfe von außen nötig machen, einen Begleiter, der diese Angst nicht hat und während des Prozesses der Angsterforschung an unserer Seite bleibt. Will man seine Angst kennenlernen, dann kann das in kleinen Schritten erfolgen, indem man z.B. Situationen aufsucht, die die Angst erzeugen können. Stellt man dann Schritt für Schritt fest, dass die Dinge oder äußeren Umstände, die einmal angsteinflößend waren, dies gar nicht wirklich sind, kann man jederzeit auf diese Erkenntnis zurückgreifen.
Entscheiden wir uns dafür, unsere Angst gehen zu lassen und sind auch bereit, den Angstgewinn aufzugeben, werden wir dafür reich belohnt. Die Freude darüber, dass die Angst nicht mehr vorhanden ist und das jetzt neue, unerforschte Welten vor einem liegen, kann eine reiche Entlohnung für die hinter uns liegenden Anstrengungen sein. Wir sind jetzt wieder ein Stück freier und unabhängiger geworden. Wir können jetzt sogar die Schönheit und Freude des Alleinseins kennenlernen. Alleinsein bedeuet im Grunde nur, sich mit sich selbst wohlzufühlen - egal, wo und mit wem man ist und egal, was man tut. Alleinsein ist auch eine Chance, sein eigenes Zentrum zu finden, denn jetzt stören die äußeren Ablenkungen nicht mehr. Je weniger Impulse von außen auf uns eindringen, desto größer ist die Chance, in unser Inneres zu blicken und die eigene Schönheit zu entdecken. Je stiller es um uns ist, desto klarer können wir unsere innere Stimme hören. Alleinsein bedeutet, das eigene Wohlfühlen aus sich selbst heraus erfahren und die eigene Vollständigkeit und Unabhängigkeit erkennen zu können.
Wir kommen aus der Alleinigkeit, aber ein wesentlicher Teil der irdischen Grunderfahrung ist, dass wir uns selbst als eine selbstständige Einheit erleben, als ein Ich-bin-Ich. Das ist wunderbar und notwendig, um dann wieder, nach der Lösung aus dieser Inkarnation, die volle Ekstase der Verschmelzung mit dem Allem-was-ist zu erfahren. Jetzt aber sind wir noch hier und haben die Chance, uns selbst mit uns allein zu spüren. Wir sollten sie nutzen und nicht in der Angst davor stecken bleiben.
© ToPAS München 2007
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